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Unsere Sinne
 
Der sechste Patriarch Hui Neng sprach über das Anhaften an den Sinnesbereichen. Das Zitat lautet so:
„Ungebunden an Seins-Zuständen, ohne Anhaften an den Sinnesbereichen, bedeutet wie frei fliessendes Wasser zu sein.“
 
Gerne reflektiere ich über dieses Zitat. Einerseits, da Sinneseindrücke für mich sehr wichtig sind und andererseits, weil die Vorstellung „wie frei fliessendes Wasser zu sein“ faszinierend ist. Schlüssel für mich ist die Formulierung „ohne Anhaften“. Was heisst es ohne Anhaften zu sein. Spüre ich dann noch die Sinnesfreude? Ich denke „ja ich spüre sie“, nur die Bedeutung, die ich der Freude gebe, hat sich geändert. Die Sinnesfreude ist da, doch sie ist kraftlos im Hinblick auf meine folgenden Gedanken oder Taten.
 
Im 2. Kapitel des Lankavatara Sutra (Golzio) auf Seite 18 heisst es dann:
„das Aufhören aller Sinnes-Vijnanas bedeutet das Aufhören der Mannigfaltigkeit des Denkens in Bezug auf die unwirklichen Dinge des Alajavijnana.“
 
Beide Zitate, das von Hui Neng und das Zitat aus dem Lanka, passen thematisch zusammen. Ich denke, dass beide Autoren auf das Gleiche aufmerksam machen möchten. Schauen wir uns das Lanka Zitat genauer an:
 
Zu den Sinnes-Vijnanas gehören unsere 5 Sinne, also Sehen, Hören, Schmecken, Tasten und das Riechen. Vijnana setzt sich zusammen aus der Vorsilbe vi, die "teilen" bedeutet, und der Wurzel jna, die "wahrnehmen", "wissen" bedeutet. Vijnana ist also die Fähigkeit zu unterscheiden, erkennen oder beurteilen. Nach den Ausführungen im Lanka pflegen und kultivieren die Menschen seit anfanglosen Zeiten diese Weise des unterscheidenden Denkens. Und jede Person hängt davon ab. Sie erbt dies. Das unterscheidende Denken ist unsere unantastbare Basis, welche von uns nicht hinterfragt wird. Und es führt dazu, dass wir die Objekte unserer Welt als real, existierend, entstanden und substantiell ansehen.

Unsere Welt als Traum
Was ist mit den „unwirklichen Dingen“ im obigen Zitat gemeint? Unsere äussere Welt mit seinen Personen, Bergen, Wiesen oder Flüssen erscheint vor uns basierend auf dem Speicherbewusstsein (Alajavijnana) als Quelle. Vom Speicherbewusstsein gehen Schwingungen aus und unsere Sinne (Auge, Ohren, …) werden davon berührt und mit Hilfe der Denkfähigkeit entsteht diese äussere Welt im Bewusstsein - Moment für Moment. Daher heisst es im Lanka, dass alle Erscheinungen des von uns wahrgenommenen Lebens „unwirklich“ sind. Diese Unwirklichkeit wird im Lanka so verdeutlicht:
 
  • Diese Welt ist wie eine Wolke
  • ein Ring, der durch einen Feuerbrand entstanden ist
  • der sich im Ozean spiegelnde Mond
  • ein Traum

Das Aufhören
Im Zusammenhang mit der Zen-Praxis wird oft von "loslassen" gesprochen oder von "es (so wie es ist) sein lassen". Loslassen ist eine Abkehr von gewohntem Verhalten, von Vorlieben oder auch von Abhängigkeiten. Wir lassen Ballast los, werfen ihn ab und fühlen uns freier oder befreit. "Es sein lassen" ist eine aktive Form der Passivität oder des Nicht-Handelns. Für das aktive Nicht-Handeln braucht es Ruhe und Gelassenheit, die Fähigkeit dem Lauf der Dinge zuzusehen ohne emotional dabei mitzugehen. Wer mit der Zen-Praxis vertraut ist, wird das Loslassen und das Seinlassen aus Erfahrung kennen und wahrscheinlich auch schätzen gelernt haben.
 
Wenden wir uns jetzt dem Aufhören zu. Laut dem Lanka sollen die Sinnes-Vijnanas aufhören und zwar dadurch, dass unser mannigfaltiges Denken in Bezug auf die unwirklichen Dinge aufhört.
Loslassen und Seinlassen erscheint mir gegenüber dem Aufhören des mannigfaltigen Denkens eine recht einfache Übung zu sein. Was führt uns dann zum Aufhören des mannigfaltigen Denkens?
 
Die gedankliche Auseinandersetzung und die Reflexion über folgende Punkte könnte weiterhelfen:
  • Die Betrachtung der weltlichen Dinge als "unwirklich".
  • Das unterscheidende und beurteilende Denken.
  • Die von uns im üblichen Denken wahrgenommene objektive Welt ist eine stabilisierende Kraft und hält uns im Dualismus gefangen.
 
Im Gespräch mit Mahamati sagt der Erhabene dann Folgendes (siehe Seite 19):
Meine Lehre aber besteht aus dem Aufhören des Leidens, das aus der Unterscheidung der dreifachen Welt entsteht: das Aufhören von Nichtwissen, Begehren, Taten und Verursachung; und in der Erkenntnis, dass die objektive Welt wie eine Täuschung die Erscheinung des Geistes selbst ist.
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